Das Fach Evangelische Religion in der Oberstufe 

Im Fach Evangelische Religion geht es um die dialogische Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. Dialogisch bedeutet: in Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen Erfahrungen, mit den Positionen der anderen Schülerinnen und Schüler, mit den aktuellen Herausforderungen in Gesellschaft, Medien und Wissenschaft, sowie mit den Traditionen des Christentums.
Dazu stehen in der Oberstufe des Gymnasiums sechs große Themenbereiche im Mittelpunkt.
Sie sind wie folgt über die sechs Kurshalbjahre verteilt:
- Menschen und Religion (E1)
- Deutungen der Wirklichkeit und die Bibel (E2)
- Jesus Christus (Q1)
- Gott (Q2)
- Christliche Menschenbilder und Ethik (Q3)
- Kirche und Christsein in der globalen Welt (Q4)

E1: Menschen und Religion
E1.1 Religion erfahren
E1.2 Religion beschreiben, einordnen, wahrnehmen
E1.3 Religionen begegnen sich
E1.4 Religiöse Praxis in den Religionen wahrnehmen und vergleichen
E1.5 Religionen als Problem

Das Kurshalbjahr E1 beginnt mit den religiösen Erfahrungen und der eigenen religiösen Sozialisation. Diese Perspektive wird erweitert um die Wahrnehmung anderer Religionen. Im Unterrichts setzen wir uns auf theoretischer und praktischer Ebene verschiedenen Religionen, auch in der multireligiösen Stadt Frankfurt auseinander. Verbindlich sind die Themenfelder 1–3, aber die Themen 4 und 5 werden darin eingeflochten.

E2: Deutungen der Wirklichkeit und die Bibel
E2.1 Zugänge zur Wirklichkeit in Theologie und Naturwissenschaften
E2.2 Unterschiedliche Menschenbilder in Theologie und Naturwissenschaften
E2.3 Bibel verstehen
E2.4 Wirklichkeit wahrnehmen
E2.5 Lektüre einer biblischen Ganzschrift

In Kurshalbjahr E2 wird der spezifische Zugang von Religion zur Wirklichkeit verdeutlicht. Wie unterscheidet sich das Fach Evangelische Religion von anderen Schulfächern? Welches Menschenbild und welche Deutung von Wirklichkeit werden hier vertreten? Diese Fragen stellen sich insbesondere mit Blick auf die Wahrheit der Bibel und auf das Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften, sowie die Auseinandersetzung mit Fundamentalismus und Kreationismus. Verbindlich sind die Themenfelder 1–3.

Q1: Jesus Christus
Q1.1 Jesus Christus und die Verkündigung des Reiches Gottes
Q1.2 Die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung, christologische Fragen
Q1.3 Jesus im jüdischen Kontext
Q1.4 Jesus in nicht-christlicher Sicht
Q1.5 Jesuanische Ethik heute

Im Mittelpunkt des Kurshalbjahres Q1 stehen Jesus Christus, seine Botschaft vom Reich Gottes und die Deutung und Bedeutung von Kreuz und Auferstehung. Hier spielen die ältesten NT-Texte von Paulus auch eine Rolle. Die in E2 eingeübten hermeneutischen Fähigkeiten (Deuten und Verstehen) finden hier ihre Anwendung.
Verbindlich sind die Themenfelder 1 und 2 sowie ein weiteres aus den Themenfeldern 3–5, das durch den Abiturerlass festgelegt wird. Für das Abitur 2020 ist das Thema 3: Jesus im jüdischen Kontext). Für das Abitur im Jahr 2021 ist es Thema 4: Jesus in nicht-christlicher Sicht, insbesondere Aspekte des islamischen Jesusbildes.

Q2: Gott
Q2.1 Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition
Q2.2 Religionskritik und Theodizee
Q2.3 Das trinitarische Gottesverständnis
Q2.4 „Alltagsatheismus” und moderner Atheismus
Q2.5 Gott in den Religionen

Im Kurshalbjahr Q2 wird die Frage nach Gott thematisiert, der sich aus christlicher Perspektive in Jesus Christus erschließt. Zunächst wird die Vielfalt des Redens von Gott in Bibel und Tradition erschlossen. Die grundsätzlichen Anfragen an die Existenz Gottes, sowohl von Atheisten (Klassiker wie Feuerbach und Marx, wie moderne Religionskritiker, wie Dawkins) als auch von Religionslosen, werden vor diesem Hintergrund in den Blick genommen. Verbindlich sind auch hier die Themenfelder 1 und 2. Für das Schriftliche Abitur 2020 ist das Thema 4 (Moderner Atheismus), für das Abitur im Jahr 2021 ist das Thema 3 (alte und neue Vorstellungen von Trinität; sowie der interreligiöse Dialog mit dem Islam) dazu genommen.

Q3: Christliche Menschenbilder und Ethik
Q3.1 Christliche Menschenbilder
Q3.2 Handeln aus christlicher Perspektive
Q3.3 Frieden und Gerechtigkeit
Q3.4 Ethik der Mitmenschlichkeit
Q3.5 Schöpfungsethik

Die beiden Themen „Anthropologie“ und „Ethik“ sind umfangreich und werden daher in den Kurshalbjahren E2 bis Q2 vorbereitet: In E2 wird das Thema „Menschenbild“ (im Vergleich Naturwissenschaften – Theologie) angesprochen, die Themen in Q1 und Q2 bilden den notwendigen Begründungszusammenhang für das christliche Menschenbild. Im Kurshalbjahr Q3 werden dann die biblisch-theologischen Grundlagen aus E2, Q1 und Q2 zum christlichen Menschenbild zusammengeführt und erweitert. Darauf basierend können Fragen nach dem Handeln gestellt werden (die ethische Dimension: Was soll ich tun?). Exemplarisch steht hier zuerst das Thema „Grenzen des Lebens“ (bioethische und medizinethische Fragen) im Mittelpunkt. Verbindlich für das Abitur sind die Themenfelder 1 und 2. Für das Abitur 2020 ist das Thema 4 (Ethik der Mitmenschlichkeit), für das Abitur im Jahr 2021 ist das Thema 3 (Frieden und Gerechtigkeit) dazu genommen.

Q4: Kirche und Christsein in der globalen Welt
Q4.1 Kirche und Christsein in der Gesellschaft
Q4.2 Kirche, Christsein und Macht
Q4.3 Kirche und Christsein weltweit
Q4.4 Kirche, Christsein und gesellschaftliche Verantwortung
Q4.5 Kirche, Christsein und Formen von Spiritualität

An diese Fragen von Q1 bis Q3 schließt das letzte Kurshalbjahr Q4 zum Thema „Kirche und Christsein in der globalen Welt“ sinnvoll an, weil in der Kirche u. a. bestimmte Gottesvorstellungen oder Forderungen Jesu sehr konkret zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu anderen Religionen ist die Kirche eine einzigartige Gemeinschaftungsform, die sich seit 2000 Jahre erfolgreich in sehr unterschiedlichen Kulturen ausgeformt hat. Ohne sie und ihre Geschichte kann das Christentum nicht verstanden werden. Im Unterricht setzen wir uns einerseits mit den Erscheinungsformen der Kirche heute und ihre Zukunftsfähigkeit auseinander; andererseits vertiefen wir einen thematischen Aspekt der Kirche im Wandel der Zeit: Kirchengeschichte. Welche zwei der fünf Themenfelder gewählt werden hängt vom Verlauf der dialogischen Auseinandersetzungen in den Kursen E 1 bis Q 3 ab.

Dr. Harmjan Dam
12. August 2019