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Frank Nonnenmacher über die 68er-Bewegung, die RAF und „die Generation, die vergessen wollte“

Am Montag, den 03.05.2021, begrüßten wir, die Klasse 11F, Dr. Frank Nonnenmacher, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, online in unserem Deutschunterricht. Im Zuge unserer Unterrichtseinheit aus dem ersten Halbjahr, in der sich unser Kurs mit der Thematik der 68er-Bewegung und der Roten Armee Fraktion (RAF) im Kontext der Analyse des Romans „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ beschäftigte, bekamen wir nun die Möglichkeit, Dr. Frank Nonnenmacher Fragen rund um das Thema, aber auch zu seinen persönlichen Meinungen und Ansichten, zu stellen.

Die Atmosphäre war dank Nonnenmachers lockerer und offener Art sehr entspannt. Er betonte, dass wir ihn alles fragen könnten, wovon wir reichlich Gebrauch machten. Als Einstieg erzählte er uns, dass der Nationalsozialismus zu seiner Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener kaum aufgegriffen und thematisiert wurde. Als er älter wurde und begriff, fing er an, hauptsächlich seinem Vater, Fragen zu stellen; dieser stellte sich als einer von wenigen Eltern den heiklen Fragen. Er beschrieb die Generation seines Vaters als „Generation, die vergessen wollte“. Sie wollte vergessen, weil sie Täter war - so erklärt er sich das Schweigen. Er sprach über die Entstehung und die Radikalisierung der RAF nach 68. Die darauffolgenden Diskussionen und teils aufkeimenden Sympathien für die neue radikale linke Bewegung erklärte er so, dass die Art und Weise wie die RAF ihre Forderungen unterstrich, nämlich kompromisslos, auch mit Gewalt, innerhalb der Linken auch zu Sympathien führte. Er machte uns außerdem klar, dass er und viele andere aufhörten mit der radikalen Bewegung zu sympathisieren, als Gewalt ins Spiel kam. Er beschrieb es so, dass Gewalt gegen Dinge und Gewalt gegen Menschen etwas völlig Unterschiedliches sei.

Nach dem ca. 20-minütigen Input eröffnete Herr Blasche die Runde für Fragen. Es wurden viele Fragen zur RAF gestellt, und ob er je darüber nachgedacht hatte, sich ihr anzuschließen, was er verneinte. Während der Fragerunde erzählte er uns auch, dass er sich von einer anfänglichen Vorwurfshaltung gegenüber seinem Vater im Zusammenhang mit der NS-Zeit vom Verurteilen-Wollen zum Verstehen-Wollen entwickelte.

Die heutige Jugend, so Nonnenmacher, sei unpolitischer als manch andere Generation vor ihr. Der Kapitalismus werde nicht ausreichend kritisch hinterfragt. Er betonte außerdem, dass wir nicht, wie manche befürchten, aufgrund der Pandemie unsere Jugend verpassen. Im Gegenteil: Unsere Zukunft liege noch vor uns, und dass genügend Zeit bleibe, das Verpasste nachzuholen. „Eure beste Zeit liegt noch vor euch“, so Nonnenmacher.
Am Ende betonte er noch, dass er letztlich seinem Vater dankbar gewesen sei, dass dieser sich den Fragen gestellt und ihnen nicht ausgewichen ist, wie es viele zu dieser Zeit taten. Und wir danken ihm auch.

Alles in allem war es eine sehr abwechslungsreiche, interessante und spannende Erfahrung, die Möglichkeit bekommen zu haben, mit einem „Zeitzeugen“ zu sprechen. Es half uns, die damaligen Verhältnisse besser einordnen und verstehen zu können. Wir danken Herrn Nonnenmacher und Herrn Blasche für diese tolle Erfahrung und können diesen Unterricht der besonderen Art nur empfehlen.

Von Lahja Felgner und Sarina-Marie Ortwein
Projektorganisation: Klasse 11F mit Ralph Blasche